Strategische Pfeilervermehrung

Veröffentlicht in:
DENTALE IMPLANTOLOGIE 17, 1, 62 - 65 (2013)
von Dr. Michael Kober

 

Strategische Pfeilervermehrung: Erfahrungen aus der Praxis

Bei Patienten mit stark reduzierter Restbezahnung, die nicht mit einer Brücke versorgt werden können, stellen Teilprothesen eine Therapiemöglichkeit zur Sicherung der Kau- und Sprechfunktion sowie dem Erhalt der Okklusionsverhältnisse dar. Für die sichere Verankerung dieser hochwertigen Versorgungsart ist jedoch eine bestimmte Anzahl an Pfeilerzähnen erforderlich. Reicht die Restbezahnung nicht aus, so wird es zu Stabilitätsproblemen der Prothese und in der Folge auch zum Verlust der Pfeilerzähne kommen. Eine Möglichkeit, die Stabilität von Teilprothesen zu verbessern, wird durch Insertion von Implantaten geboten. Insbesondere lassen sich 3M ESPE MDI Mini-Dental-Implantate zur Pfeilervermehrung einsetzen, die selbst bei Patienten mit einem geringen Knochenangebot in der Regel noch minimalinvasiv und mit sehr geringem Aufwand inseriert werden können.

Mini-Dental-Implantate

Bewährt haben sich die durchmesserreduzierten Implantate in den letzten Jahren insbesondere für die Verankerung von Totalprothesen im Unterkiefer: Zu diesem Zweck werden vier oder mehr Implantate mit einem Durchmesser von 1,8 bis 2,1 mm minimalinvasiv im Unterkiefer inseriert. Wird die erforderliche Primärstabilität erreicht, so ist eine Sofortbelastung möglich. Für die Prothesenfixierung im Oberkiefer stehen Implantate mit 2,4 mm Durchmesser zur Verfügung. Klinische Erfahrungen zeigen, dass diese Art der Therapie zu einer gesteigerten Patientenzufriedenheit durch verbesserten Prothesenhalt führt und die Mini-Implantate auch langfristig eine sichere Verankerung der Prothese ermöglichen. Eine hohe Überlebensrate der Minis wurde in unterschiedlichen Studien bestätigt.

Pfeilervermehrung …

Zusätzlich zum Einsatz im zahnlosen Kiefer stellt die Verwendung bei Patienten mit geringer Restbezahnung eine weitere interessante Indikation für Mini-Implantate dar. Je nach Anzahl, Position und Qualität der vorhandenen natürlichen Zähne gelingt es nicht immer, mit diesen eine Teilprothese ausreichend zu fixieren: Eine besondere Herausforderung stellen Freiendsituationen dar, bei denen die Prothese lediglich an einer Seite verankert wird. Sie liegt zwar auf der Schleimhaut auf, ein sicherer Halt ist jedoch in der Regel nicht gewährleistet. Auch bei beidseitig fixierten Prothesen kann eine unzureichende Stabilität durch ungleichmäßige Belastung entstehen. Die Folge ist ein reduzierter Tragekomfort, zudem wirken erhöhte Belastungen auf die Pfeilerzähne und das Prothesenmaterial ein. Dies kann in einigen Fällen sogar zu einem Verlust der Pfeilerzähne sowie zu einer verkürzten Lebensdauer der Versorgung führen.

Je mehr Pfeiler zur Verfügung stehen, desto weniger Belastung wirkt auf den einzelnen Zahn ein, wodurch die natürliche Zahnsubstanz geschont wird. Aus diesem Grund hat sich die Insertion von konventionellen Implantaten an für die Stabilität der Prothese wichtigen Positionen im Patientenmund bewährt. Nach erfolgreicher Einheilung übernehmen die Implantate wie die natürlichen Zähne eine Pfeilerfunktion. Diese Art der Behandlung kommt jedoch nicht für alle Patienten in Frage: Für die Implantation sind ein ausreichendes Knochenangebot und ein guter allgemeiner Gesundheitszustand Voraussetzung. Zudem scheuen ängstliche Patienten häufig den aufwendigen chirurgischen Eingriff.

… mit Mini-Implantaten

Werden Mini-Dental-Implantate verwendet, so ist der behandlungstechnische Aufwand erheblich geringer. Die einteiligen Implantate mit Kugelkopf werden in einem minimalinvasiven Verfahren – meist ohne die Notwendigkeit einer Lappenbildung – inseriert. Um im Rahmen der geplanten Pfeilervermehrung die Position der Implantate zu ermitteln, werden klinisch und am Röntgenbild (OPG-Messaufnahme mit 5 mm-Stahlkugeln auf Messschiene) die anatomischen Verhältnisse überprüft. Berücksichtigt werden die Positionen der Pfeilerzähne sowie das Knochenangebot. Außerdem muss beachtet werden, dass die Matrizen, die in die Teilprothese eingearbeitet werden und der Befestigung dieser auf den Kugelköpfen der Implantate dienen, einen gewissen Platz einnehmen – der Mindestabstand zwischen den Implantaten sollte deshalb 5 mm betragen. Außerdem sollten die Implantate nicht an fragilen Stellen der Prothese – beispielsweise einer Löt- oder Klebestelle – positioniert werden, da dies zu einer Fraktur führen könnte.

Nach Bestimmung der gewünschten Implantatpositionen folgt die Auswahl der geeigneten Implantatdurchmesser und -längen unter Berücksichtigung des Knochenvolumens. Die Implantatinsertion sollte exakt nach dem durch den Hersteller empfohlenen Protokoll mit den entsprechenden Instrumenten erfolgen. Anschließend wird ggf. die bestehende Prothese umgearbeitet oder eine neue angefertigt, die die Matrizen für die Befestigung auf den Kugelköpfen enthält. Zur Kontrolle und Dokumentation wird abschließend ein OPG angefertigt und die Position der inserierten Implantate überprüft.

Erfahrungen aus der Praxis

Dass sich MDI Mini-Dental-Implantate von 3M ESPE zur strategischen Pfeilervermehrung hervorragend eignen und sich auch langfristig der Halt von Teilprothesen mit diesen verbessern lässt, zeigen die folgenden Fallbeispiele, bei denen der Erfolg der Implantate über mehrere Jahre anhand von Röntgenbildern dokumentiert wurde. Verwendung finden die Implantate mit reduziertem Durchmesser für diese Indikation in meiner Praxis seit mehreren Jahren.

Patientenfall 1

Der inzwischen 83 Jahre alte Patient stellte sich im Februar 2008 mit einer stark reduzierten Restbezahnung in der Praxis vor (Abb. 1). Von den drei vorhandenen Pfeilerzähnen im Oberkiefer waren bereits zwei endodontisch behandelt und frakturgefährdet. Da der Patient blutgerinnungshemmende Medikamente einnahm und eine konventionelle Implantation ein zu großes Risiko darstellte, wurde der Entschluss gefasst, zunächst vier MDI Mini-Dental-Implantate im Oberkiefer zu inserieren. Nach Betrachtung des ersten OPGs sowie der klinischen Situation wurde die Position der Mini- Implantate so gewählt, dass die natürlichen Zähne optimal entlastet wurden.
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Abb. 1: Ausgangssituation Fall 1: Reduzierter Restzahnbestand im Oberkiefer. Abb. 2: Kontroll-OPG mit vier inserierten MDI Mini-Dental-Implantaten. Abb. 3: Kontrollaufnahme mit weiteren Mini-Implantaten im Ober- und Unterkiefer.


Bei einer Kontrolluntersuchung im Oktober 2008 zeigte sich zwar, dass die Implantate hervorragend eingeheilt und stabil waren (Abb. 2), aufgrund des Verlustes eines weiteren Pfeilerzahnes und einer negativen Prognose für die verbleibenden Zähne wurde jedoch entschieden, drei weitere Mini-Implantate im Oberkiefer zu inserieren. Zudem wurden für den Unterkiefer vier MDI geplant und in strategisch günstigen Positionen zwischen den natürlichen Zähnen sowie jeweils distal zum letzten Pfeilerzahn inseriert. Abbildung 3 zeigt die Situation bei einer Kontrolluntersuchung im Juli 2011. Auch nach dreieinhalb Jahren wurde die Prothese noch hervorragend durch die Implantate fixiert.

Patientenfall 2

Die Patientin, 69 Jahre alt, wurde im Juli 2009 mit einem stark reduzierten Restzahnbestand im Oberkiefer in der Praxis vorstellig. Die drei verbleibenden Zähne konnten die Prothese nicht sicher fixieren (Abb. 4). Die ängstliche Patientin wünschte einen möglichst minimalinvasiven Eingriff, um den Komfort bei Kauen und Sprechen wiederherzustellen. Inseriert wurden insgesamt sechs 2,4 mm Implantate im Oberkiefer. Im Rahmen von regelmäßigen Kontrolluntersuchungen, u. a. im Mai 2010 und Juli 2012, wurde eine entzündungsfreie Situation dokumentiert, die Implantate erfüllten während der gesamten Zeit ihre Funktion (Abb. 5 und 6).
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Abb. 4: Ausgangssituation Fall 2: Das Röntgenbild zeigt drei verbleibende Zähne im Oberkiefer. Abb. 5: Sechs MDI wurden im Oberkiefer inseriert. Abb. 6: Situation nach drei Jahren.

Patientenfall 3

Der 85-jährige Patient wünschte eine Verbesserung seines Prothesenhalts, ohne eine aufwendige Behandlung über sich ergehen lassen zu müssen. Im April 2009 wurden schließlich nach Begutachtung der Röntgenaufnahme (Abb. 7) sowie der klinischen Situation mit vier verbleibenden Frontzähnen im Oberkiefer und einem reduzierten Knochenangebot vier MDI in distaler Position zu den natürlichen Zähnen inseriert. Ein gleichmäßiger Abstand zwischen den Implantaten wurde eingehalten, um ausreichend Platz für die Matrizen zu lassen. Im Juli 2012, mehr als drei Jahre nach Implantation, zeigten sich stabile Verhältnisse (Abb. 8).
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Abb. 7: Ausgangssituation Fall 3: Vier Frontzähne verbleiben im Oberkiefer. Abb. 8: Situation drei Jahre nach Insertion von vier Mini-Implantaten.

Eine sichere und langfristige Therapie

Wie die vorgestellten Fälle zeigen, stellt die Pfeilervermehrung durch MDI Mini-Dental-Implantate im teilbezahnten Ober- und Unterkiefer eine sichere Behandlungsmöglichkeit zur Verbesserung des Prothesenhalts dar. Da der Eingriff zur Implantatinsertion in der Regel minimalinvasiv durchgeführt werden kann, eignet sich das Verfahren insbesondere für anamnestisch vorbelastete Patienten sowie solche, die über ein geringes Knochenangebot verfügen.

Dank des geringen Aufwandes und der schnellen sowie komplikationslosen Einheilung der Mini-Implantate wird der Eingriff auch vom Patienten als unproblematisch empfunden. So kann die bestehende Prothese beispielsweise in nahezu allen Fällen unmittelbar nach der Implantatinsertion wieder eingesetzt werden, da nach dem Eingriff sehr selten Schwellungen, Schmerzen oder Blutungen auftreten. Nach eigenen Erfahrungen sind auch über einen langen Zeitraum hohe Überlebensraten der durchmesserreduzierten Implantate zu erwarten, die Patienten zeigen sich begeistert von der gesteigerten Lebensqualität nach der Behandlung.